Silja Döring – Santa Cruz (2018/19) – Arbeitsleben

Im Folgenden berichtet eine unserer Freiwilligen Silja von ihrer Arbeit in der Einsatzstelle HermannGmeiner in Bolivien. Vorneweg möchten wir darauf hinweisen, dass dieser Bericht Eindrücke von Silja über ihren Freiwilligendienst in Santa Cruz widerspiegelt. Diese Eindrücke sollen dazu verhelfen, eine Vorstellung darüber zu bekommen, wie die Arbeit in der Einsatzstelle Hermann Gmeiner sein kann.

Nun aber endlich mal zu meiner Arbeit 08. Juni 2019

Vorneweg zur kurzen Erklärung: In Bolivien kann man ab dem 1. Lebensjahr in den Kindergarten gehen, das ist freiwillig. Dann folgen zwei Jahre verpflichtende Vorschule für die 4- und 5-Jährigen. Anschließend 6 Jahre Primaria (das entspricht unserer Grundschule) und 6 Jahre Secundaria. Anders als in Deutschland wird nicht in verschieden weiterführende Schulen unterteilt. Alle werden zusammengewürfelt, auf die Schwächeren wird kaum Rücksicht genommen und sie müssen sich dem Leistungsdruck anpassen. Die Bolivianer schließen die 12. Klasse mit dem bachillerato (Abitur) ab, welches aber keinesfalls dem Niveau des deutschen Abiturs gleicht. Danach geht es für die meisten an die Universität (man wird nur aufgenommen, wenn man einen Test besteht). Es gibt auch die Möglichkeit eine Art Ausbildung zu absolvieren, die jedoch sehr teuer ist. Diejenigen die sich das nicht leisten können, bleiben auf der Strecke und müssen sehen, wie sie sich durch Verkäufe in tiendas oder auf der Straße selber finanzieren können. Meist ist es ein Leben von der Hand in den Mund, für mehr reicht es nicht. Ihr merkt also schon, dass kaum Chancen für die Schwächeren bestehen. Man muss sich durchkämpfen, um eine gute Bildung zu erhalten und was aus seinem Leben machen zu können.

Meine Projektstelle ist das Colegio Hermann Gmeiner, welches ehemalig von SOS Kinderdorf aufgebaut und unterstützt wurde. Nun ist es aber ein selbstständiger Betrieb und gilt als eine der besseren Schulen im Viertel. Am Nachmittag arbeite ich in der Grundschule und unterstütze die Lehrerin in der 1. Klasse. Das bedeutet vor allem, Sachen ausschneiden, einkleben, ordnen, Hausaufgaben in die Hefte vorschreiben, Blätter kopieren, korrigieren…Immer das was gerade so anfällt und gemacht werden muss. Meine Lehrerin ist eine ganz liebe und mit ihr versteh ich mich echt gut. Da macht die Zusammenarbeit gleich viel mehr Spaß.

Neben dem Colegio gibt es einen Kindergarten mit Hausaufgabenbetreuung für die Grundschüler, der ebenfalls von den SOS Kinderdorf finanziert wird. Kinder ab dem 1. Lebensjahr bis zum Beginn der Vorschule werden dort ganztägig betreut. Sie bekommen Frühstück, Mittagessen und Snacks. Es ist ein großes Gelände mit vielen Klettergerüsten, wo sie sich austoben können. Mittags machen sie ihren Mittagsschlaf und werden am späten Nachmittag von ihren Eltern abgeholt. Diese Einrichtung ist vor allem für junge Mütter gedacht, damit sie trotz ihres Kindes Vollzeit arbeiten gehen können und Geld verdienen. Dort arbeite ich am Vormittag. Seit Februar helfe ich immer einige Tage in der Woche in der Krippe bei den Einjährigen mit. Gemeinsam mit den 2 Erziehern füttern, wickeln und spielen wir ganz viel mit den 10 Kindern. Es ist immer ein sehr anstrengender Vormittag, da man die ganze Zeit gefordert ist, aber mir macht es super viel Spaß mich so intensiv mit den Kleinen zu beschäftigen und ihre Fortschritte (vor allem das Laufen) Woche für Woche mit zu verfolgen. Ich habe sie wirklich sehr schnell in mein Herz geschlossen.

Die anderen Vormittage war ich im apoyo escolar (Hausaufgabenbetreuung). Dort können die Schüler der Vor- und Grundschule täglich kommen und bekommen Unterstützung bei den Hausaufgaben. Außerdem gibt es ein breites Angebot an Lernspielen, welches die Kinder meistens den Hausaufgaben vorziehen. Meine Aufgabe ist es zu schauen, dass die Hausaufgaben vollständig sind und natürlich auch zu helfen. Wenn alle Pflichten erledigt sind, dürfen die Kinder raus zum Spielen. Das ist immer die schönste Zeit, da man sich ausgiebig mit den Kindern beschäftigen kann. Es gibt zwar viele Schaukeln und Rutschen, doch die tías (so werden hier die Erzieher genannt) sind noch immer die besten Klettergerüste. So bildet sich meistens eine riesen Traube aus Kindern um mich herum und alle wollen immer auf meinen Schoß für Hoppehoppereiter oder Huckepack genommen werden oder an den Armen durch die Luft gewirbelt werden. Das macht wirklich Spaß, obwohl ich nach 10 Runden echt genug habe. Die Kinder würden am liebsten nie aufhören. Dann heißt es immer: nochmal, nochmal, Silja bitte noch ein letztes Mal… und alle kommen wieder angerannt.

Am Samstag Vormittag gehe ich in die Aldea, was eine Art Kinderheim ist, aber mit familiärer Struktur. Es sind ganz normale Wohnhäuser, in denen sich jeweils eine Pflegemutter um 8 Kinder aus sozial schwierigen Verhältnissen kümmert und mit ihnen zusammen wohnt. Dadurch wird den Kindern ein neues Zuhause gegeben, in einem geregelten Familienleben mit Geschwistern. Ich besuche 2 Familien und helfe den Kindern bei den Hausaufgaben. Insgesamt bin ich sehr glücklich darüber, dass mein Arbeitsalltag sehr abwechslungsreich ist und ich dadurch viele Einrichtungen kennenlernen darf. Vieles läuft nun mal doch ganz anders als ich es aus Deutschland kenne. Neben der ganzen Arbeit wurde sehr viel gefeiert, denn die Bolivianer geben jedem Anlass einen Grund zum feiern. So habe ich in den letzten Monaten den Vatertag, Kindertag, Tag der Arbeit, Tag des Meeres (obwohl Bolivien gar kein Meer hat), Muttertag, Lehrertag, Familientag miterlebt. Dafür wurde meist schon Wochen vorher sehr viel Aufwand betrieben. Die Kinder haben traditionelle Tänze einstudiert, die Lehrer (bzw ich durfte das alles machen…) mussten Geschenke für die Mamis und Papis basteln, alles wurde aufwendig und im großen Stil mit Ballons und Blümchen geschmückt und es gab jedes Mal ein riesigesFestessen mit Torte, Empanadas, Kaffee und Saft. Ich persönlich fand es teilweise etwas zu übertrieben und kitschig, aber den Bolivianern hat es gefallen.

So sind die Wochen verflogen und mittlerweile hat sich der Winter angemeldet. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass meine Winterjacke hier mal zum Einsatz kommt, aber 12 Grad sind wirklich sehr kalt, dass das Rausgehen ohne Schal undenkbar wäre. Die hohe Luftfeuchtigkeit lässt einen die Kälte viel mehr spüren. Naja, ein Jahr nur Sommer wäre ja auch zu schön gewesen…

Liebe Grüße

Silja